Gedankenkiste · Grundgedanke
Zuschreibungen
Kurz gesagt
Wenn ich einen Menschen in einer Situation erlebe, entsteht zuerst eine Beobachtung. Daraus bilde ich mir eine eigene Bewertung für diesen Moment. Werde ich nach meiner Sicht gefragt, benenne ich sie auch so.
Was ich dabei vermeiden möchte: dass aus einer einzelnen Bewertung ein dauerhafter Stempel für diesen Menschen wird.
Der Grundgedanke
Eine Beobachtung ist das, was ich in einem Moment tatsächlich wahrnehme: eine Handlung, eine Aussage, eine Reaktion. Eine Bewertung ist das, was ich daraus für mich mache. Ein Stempel entsteht erst, wenn ich diese eine Bewertung dauerhaft auf einen Menschen lege, so als würde sie für immer gelten.
Ich höre mir verschiedene Sichtweisen an, bevor ich mir eine eigene Meinung bilde. Andere Sichtweisen fließen in meine Bewertung ein. Sie ersetzen sie aber nicht. Am Ende bleibt es meine Sicht, für diesen Moment.
Wenn ich nach meiner Sicht gefragt werde, benenne ich sie deshalb als das, was sie ist: meine Sicht zu diesem Zeitpunkt. Nicht als endgültiges Urteil über einen Menschen. Ich kann dabei auch benennen, welche Schublade aus meiner Sicht gerade verwendet wird, ohne einen Menschen damit dauerhaft zu kennzeichnen.
Der Unterschied ist mir wichtig, weil sich eine Situation verändern kann und weil ein Mensch mehr ist als eine einzelne Situation. Eine frühere Bewertung darf deshalb nicht automatisch über eine neue Situation entscheiden. Das hängt eng mit einer offenen Wahrnehmung zusammen: Jede neue Situation verdient ihre eigene Beobachtung, auch wenn sie denselben Menschen betrifft.
Was mein Gegenüber aus meiner Sicht macht, entscheidet dieser Mensch selbst. Meine Aufgabe ist es, meine Sicht ehrlich zu benennen, nicht, sie einem anderen Menschen dauerhaft aufzudrücken.
Menschen & Familie
Was braucht es, bevor ich das Schweigen eines Familienmitglieds bei einer gemeinsamen Entscheidung als Desinteresse einordne?
Beispiel
Eine Familie bespricht gemeinsam eine Entscheidung. Eine Person sagt dabei wenig, und jemand anderes nennt das „desinteressiert“. Bevor dieses Wort feststeht, lohnt sich zuerst der Blick auf das eigene Gespräch: Wurde der stillen Person wirklich Raum gelassen, oder haben andere den größten Teil des Gesprächs bestimmt? Statt die fremde Zuschreibung zu übernehmen, lohnt sich die Frage an die Person selbst: Wie sieht sie die Entscheidung eigentlich? Erst wenn ihre Sicht eingebracht ist, geht die gemeinsame Entscheidung weiter, statt vorher schon als geklärt zu gelten.
Tiere & Zusammenleben
Wie schnell wird aus wiederkehrendem Verhalten eines Tieres eine feste Meinung darüber, wie es „ist“, statt genauer hinzuschauen?
Beispiel
Ein Hund knurrt in mehreren Situationen, wenn eine bestimmte Person den Raum betritt. Nach der zweiten oder dritten Wiederholung entsteht schnell der Gedanke „Er mag diese Person nicht“. Bevor dieser Gedanke feststeht, lohnt sich der Blick auf das eigene Beobachten: Wurde jedes Mal wirklich dieselbe Situation angeschaut, oder nur die Momente mit dem Knurren? Was ist jeweils davor passiert, und wurde das überhaupt bemerkt? Solange das offen bleibt, ist „Er mag diese Person nicht“ eine mögliche Deutung, kein festgestelltes Ergebnis. Ein nächster Schritt wäre, gezielter hinzuschauen und mit der betroffenen Person zu besprechen, was auffällt.
Unternehmen & Entwicklung
Wie schnell wird aus wiederholten Beobachtungen ein festes Urteil über eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter, statt die eigene Wahrnehmung noch einmal zu prüfen?
Beispiel
Eine Mitarbeiterin liefert in mehreren aufeinanderfolgenden Wochen Ergebnisse später ab als vereinbart. Nach der zweiten oder dritten Verspätung entsteht schnell das Etikett „unzuverlässig“. Bevor dieses Etikett feststeht, lohnt sich der Blick auf den eigenen Anteil: Wurden die Termine jedes Mal unter denselben Bedingungen vereinbart, oder haben sich Aufgaben und Prioritäten zwischenzeitlich verändert? Solange das offen ist, bleibt „unzuverlässig“ eine mögliche Deutung, kein festes Urteil. Ein Gespräch darüber, was in diesen Wochen tatsächlich passiert ist, könnte zeigen, ob sich daran etwas ändern lässt oder ob sich die Einschätzung bestätigt.
Sport & Mannschaft
Wie schnell wird aus wiederholten Spielsituationen ein festes Urteil über eine Spielerin oder einen Spieler, statt genauer hinzuschauen?
Beispiel
Ein Spieler vergibt in mehreren Spielen hintereinander klare Chancen. Nach dem zweiten oder dritten Mal entsteht in der Mannschaft schnell das Urteil „nicht abschlussstark“. Bevor dieses Urteil feststeht, lohnt sich der Blick auf den eigenen Anteil: Wurde in jedem dieser Momente wirklich dieselbe Situation angeschaut, oder nur das Ergebnis? Welche Vorbereitung ging der jeweiligen Chance voraus, und ist das überhaupt bekannt? Solange das offen bleibt, ist „nicht abschlussstark“ eine mögliche Deutung, kein festgestelltes Ergebnis. Ein Gespräch mit dem Spieler darüber, was aus seiner Sicht passiert ist, könnte mehr zeigen.